
Die Swiss Continence Foundation Award Kandidaten 2013
Claudius Füllhase, Dr. med. (Urologische Klinik, Ludwig-Maximilians-Universität München, Deutschland)
Der Swiss Continence Foundation Award 2013 wurde Claudius Füllhase für seine Arbeit mit dem Titel "Die urodynamischen Effekte von Fettamidsäurehydrolase-Inhibitoren werden durch zentralnervöse Cannabinoid-Rezeptoren im sakralen Rückenmark vermittelt" verliehen.
Zusammenfassung der präsentierten Arbeit:
Ursprünglich als ‚Nebenbefund‘ einer Beobachtungsstudie wurde berichtet dass Cannabismißbrauch bei Patienten mit Multipler Sklerose (MS) Blasenspastiken reduziert. In Folge fanden Forscher heraus, dass Cannabinoid-Rezeptoren bedeutsam für eine koordinierte, regelrechte Miktion (Blasenentleerung) sind. Folglich könnten diese Rezeptoren ein neuer pharmakologisch-therapeutischer Ansatz sein wenn die Miktion eben nicht koordiniert und regelrecht verläuft – wie zum Beispiel beim Syndrom der Überaktiven Blase (ÜAB). Die Verwendung synthetischer Cannabinoide, zum Beispiel zur Therapie der ÜAB, trägt jedoch das Risiko die gleichen psychotropen Effekte hervorzurufen wie natürliches Cannabis. Neuste Forschung versucht daher einen anderen Ansatz sich das Cannabinoid-System zunutze zu machen ohne psychotrope Nebenwirkungen hervorzurufen: die Endocannabinoide. Endocannabinoide werden vom Körper selbst produziert und wirken an den Cannabinoid-Rezeptoren. Währrend exogen zugeführte synthetische Cannabinoide überall dort wirken wo die Rezeptoren vorhanden sind (im gesamten Körper), werden Endocannabinoide nur lokal (organspezifisch) „bei Bedarf“ (momentan) gebildet – somit wirken Medikamente, welche die Endocannabinoide beeinflussen, nur lokal und vorübergehend. Eine gewisse Ähnlichkeit des pharmakologischen Wirkprinzips besteht hier zu den Phosphodiesterase Typ 5 Inhibitoren (PDE5 Inhibitoren, z.B. Viagra®), welche unter normalen Bedingungen keinen Effekt haben, aber ihre Wirkung dann entfalten, wenn sie benötigt werden (währrend sexueller Stimulation und Erektion).Endocannabinoide habe eine kurze Halbwertszeit und werden normaler Weise durch Fettamidsäurehydrolasen (FASHs) abgebaut. Es konnte bereits in präklinischen Studien gezeigt werden, dass FASH-Inhibitoren die Miktionsfrequenz reduzieren können. Eine erhöhte Miktionsfrequenz (vermehrtes Wasserlassen) ist ein Hauptsymptom der ÜAB. Der exakte Wirkmechanismus jedoch wo (ob Blasenschleimhaut, -muskel, ob Blutversorgung oder Innervation der Blase) und über welche Rezeptoren (ob Cannabinoid Typ 1 oder Typ 2 Rezeptoren) die FASH-Inhibitoren ihre Effekte entfalten war bisher unbekannt; dies herauszufinden war das Ziel unserer Studie.
In Ratten wurde eine Blasenüberaktivität (erhöhte Miktionsfrequenz) durch ein chirurgisches Einengen der Harnröhre induziert. In anschliessenden urodynamischen Versuchen (Blasen-Druck-Frequenz-Messungen) konnte gezeigt werden, dass die Effekte von FASH-Inhibitoren (Reduktion der Miktionsfrequenz) durch ein vorheriges Blockieren von Cannabinoid Typ 2 Rezeptoren im sakralen Rückenmark (einem neuronalen Miktionskontrollzentrum) verhindert werden konnten. Sakrale Cannabinoid Typ 2 Rezeptoren wurden durch die Applikation einer minimalen Dosis eines entsprechenden Antagonisten über einen zuvors implantierten Intrathekalkatheter (Subarachnoidalkatheter) inhibiert. Das Ergebnis der Studie zeigt, dass die Effekte von FASH-Inhibitoren auf die Blase durch Cannabinoid Typ 2 Rezeptoren im sakralen Rückenmark vermittelt werden. Somit scheinen FASH-Inhibitoren die Miktionsfrequenz also nicht über ein direktes Angreifen am Blasenmuskel zu reduzieren, sondern über eine Beeinflussung der nervalen Blasenkoordination.